Text: Abteilung Berufsbildung
«Sich zeigen, wie man ist» Chase erzählt von seinem Weg zur Lehre
Mit grossem Vertrauen und individueller Begleitung startet Chase bei der Stiftung Wisli 2025 seine KV-Lehre – nach einem herausfordernden beruflichen Weg findet er hier Sicherheit, Stabilität und neue Perspektiven für seine Zukunft.
Seit Sommer 2025 absolviert Chase bei der Stiftung Wisli eine Lehre als Kaufmann EFZ. Ein Gespräch über Sicherheit und Vertrauen nach einem schweren Start ins Berufsleben.
Es ist ein sonniger Montagnachmittag Anfang März. Chase und ich setzen uns auf eine Holzbank im Glasi-Areal. Er trägt ein weisses T-Shirt und kurze Hosen. Während uns die Frühlingssonne ins Gesicht scheint, erzählt er von seinem Weg.
Der Einstieg in die Arbeitswelt war für Chase nicht einfach. Zweimal musste er die Lehre als Elektroinstallateur abbrechen. Der Arbeitsalltag war von einem rauen Arbeitsklima, psychischer Erniedrigung und physischer Gewalt geprägt. «Wenn ich etwas falsch gemacht habe, bekam ich einen Schraubenzieher an den Kopf», erinnert er sich. Danach folgte ein Aufenthalt in einer Akutstation und in einer Tagesklinik für Jugendliche.
Kurz vor seinem 18. Geburtstag begann die Suche nach einer beruflichen Anschlusslösung. «Eine Lehre als Kaufmann war das Letzte, was ich machen wollte», gesteht Chase offen. Nach seinen bisherigen beruflichen Erfahrungen fiel Chase die Entscheidung schwer. Doch während des Aufbautrainings, zuerst im Werkatelier und später im Projekt Restwert, wurde die Stiftung Wisli für ihn zu einem Ort, an dem er Sicherheit fand. Deshalb entschied er sich für die KV-Lehre. Eine Bedingung stellte er aber: Das erste Lehrjahr wollte er im vertrauten Umfeld des Projekts Restwert starten.
Besonders hilfreich ist für Chase die Unterstützung durch seine Bezugsperson und das Case-Management. «Die Stiftung ist nicht einfach das Sprachrohr der IV», betont er. Stattdessen suchen alle Beteiligten gemeinsam nach Lösungen, die seine individuellen Bedürfnisse berücksichtigen und gleichzeitig den Anforderungen der IV gerecht werden. Ein Beispiel ist der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt. Bei Lernenden mit EFZ-Abschluss ist es erwünscht, dass sie während ihrer Lehre, wenn möglich für einige Monate, auch in einem externen Betrieb arbeiten. Die IV fordert von Chase diesen Schritt bereits für das zweite Lehrjahr. Doch grosse Veränderungen, besonders von einem Moment auf den anderen, lösen grosses Unbehagen bei ihm aus. Chase erinnert sich an seine Reaktion auf einen internen Wechsel: «Ich habe damals einen Sitzstreik gemacht und mich geweigert vom Fleck zu bewegen.» Um diesem Bedürfnis nach Sicherheit entgegenzukommen, hat das Wisli gemeinsam mit ihm einen individuellen Plan entwickelt: Statt des abrupten Wechsels ist ein Einstieg über ein Praktikum geplant. Der externe Einsatz folgt dann erst im dritten Lehrjahr.
«Im Wisli muss man nicht verstecken, wer man ist», sagt Chase. «Man kann sich so zeigen, wie man ist, egal als was oder wer, egal ob mit Narben oder ohne. Jede Person wird so, wie sie ist, ein Teil der grossen Wisli-Familie.» Diese Akzeptanz ist für Chase besonders wertvoll, da er als Transmann offen über seine Identität spricht. Die Stiftung Wisli gebe ihm den Raum für seine Transition. Diesen Prozess beschreibt Chase als jenen Weg, in dem jemand beginne, so zu leben, wie es der eigenen echten Geschlechtsidentität entspreche. Chase setzt sich aktiv für mehr Sichtbarkeit ein. Sein Wunsch an die Stiftung: Pronomen in die E-Mail-Signaturen aufzunehmen. Damit möchte er ein Zeichen für Diversität setzen.
Es gibt Momente, in denen Chase an einen Abbruch der Lehre denkt. Doch er versucht, positiv zu bleiben. «Es kommt schon gut», sagt er dann zu sich selbst. Sein Ziel ist das EFZ, um später im sozialen Bereich zu arbeiten. Doch noch wichtiger als das Diplom ist ihm die tägliche Arbeit an sich selbst. Auch wenn es ein Auf und Ab bleibt: Chase fühlt sich heute stabil. An andere Jugendliche in ähnlichen Situationen gerichtet, sagt Chase am Schluss des Gesprächs: «Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.»
Geführt und umgesetzt von Denise Brechbühl, Mitarbeiterin im zweiten Arbeitsmarkt.
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